Unterhalsamer Spielwitz Hörerlebnis erster Güte: "Jazz Pistols" gastierten im Theaterfoyer

Und es wurde munter geballert. Aber durchweg mit friedlichen Mitteln - ein musikalisches Feuerwerk. An einem englisch anmutenden Sonntagvormittag - nieselnder Dauerregen - lockte das Theaterfoyer mit einem Hörerlebnis der ersten Güte. Denn was die drei jungen Herren der noch ebenfalls jungen Formation "Jazz Pistols" vorführten, klang eher nach der Fleißarbeit eines Quintetts. Keine Täuschung aber, kein Faschings-Trick: Die "Pistols" sind lediglich ein Trio. Aber was für eins. Was sie mögen, spielen sie: Kompositionen von Bela Fleck und Jaco Pastorius zum Beispiel. Oder sie tauchen ein in die gitarristischen Welten eines John Scofield. Oder sie gehen den engen Pfad durch den Dschungel abwechslungsreicher Eigenkompositionen. Und da gibt das große Wort vom Dschungel tatsächlich die Richtung an. Denn da, wo bei vielen Combos träge Berechenbarkeit herrscht und das Warten auf die eigenen Soli mit eher gelangweilter Begleitarbeit kaschiert wird, dominiert bei den "Jazz Pistols" ein erstaunlicher Variantenreichtum. Stefan Ivan Schäfer (Gitarre), Christoph V. Kaiser (Bass) und Thomas Lui Ludwig (Schlagzeug) überzeugen durch spannungstragendes Spiel. Vor allem Schlagzeuger Lui Ludwig kann von gegenrhythmischen und polyrhythmischen Expertimenten kaum zwanzig Takte lang lassen. Der Mann, der auch für die Jule-Neigel-Band oder Chaka Khan die Stöcke schwingt, bringt es mit fein austarierter Strenge fertigt, einen federnden Bossa-Appeal an einen scharfkantigen Jazz-Funk-Groove anzukoppeln. Und natürlich auch umgekehrt. Auch balladeske Titel entgleisen den "Pistols" nie zu verschlafener Süßlichkeit. Im Gegenteil, Gitarre und Bass investieren hohen Spielwitz, um mit gleitenden Soli oder steil aufragenden Alleingängen Würze auszustreuen. Mit seinem stilsicheren Zugriff, seinem stets dichten und transparenten Klangbild und der exquisiten Ausformung spieltechnischer Chuzpe ist dieses Trio tatsächlich ungewöhnlich, auffallend. Kein Showdown der schnellsten Legati, sondern konsequente Zusammenarbeit mit dem Blick auf eine Jazz-Moderne, die stilistisch integrierend und unterhaltsam zugleich ist. Wer sagt´s denn: Es ist doch möglich!

19. Februar 1996 - Darmstädter Echo