Die "Jazz Pistols" im Cave 61 - Die Grenze der Erlebnisfähigkeit

Übermächtig, beinahe erdrückend, steht das gigantische Schlagzeug auf der winzigen Bühne des Heilbronner Jazzclubs Cave 61 und dominiert des intiemen Raum. Doch der erste Eindruck täuscht: Mit Pomp, Bombast oder irgendwelchen Fisimatenten haben die drei jungen Männer, die mit einem dreistündigen Mammutprogramm im Schweiße ihres Angesichts Überzeugungsarbeit leisten, überhaupt nichts am Hut. Und so kommt auch der Sound der "Jazz Pistols" - auch der aufgeblasene Name führt gewaltig in die Irre - war durchaus wuchtig, jedoch nie überfrachtet daher. Die Newcomerband des Jahres 1996 - das sind der Gitarrist Stefan Ivan Schäfer, der E-Bassist Christoph V. Kaiser und der Schlagzeuger Thomas Lui Ludwig - liebt das Spiel mit den Gegensätzen, genießt die Auseinandersetzung mit der Erwartungshaltung und reibt sich am Publikum. Mit sichtlichem Vergnügen. Daß sie ihren heißen Stoff als Energy Jazz bezeichnen und damit ein frisches Etikett für den totgeschriebenen Jazz Rock finden, ist da nur eine Marginalie. Denn diese Jazz Pistols gewinnen der betagten Spezies der Fusion Music eine selten gehörte Subtilität ab. Und bringen mit ihrer elegant-kompakten, abgespeckten Tonmalerei das seltene Kunststück fertig, auch synthetische Klänge eine gewisse Natürlichkeit zuzugestehen. Dabei greifen sie mit Vorliebe auf die Altvorderen zurück: Doch ob nun Keyboarder Joe Zawinul oder die Gitarristen Pat Metheney und John Scofield für diese zeitgemäße Musik Pate gestanden haben oder mit dem Amerikaner Bela Fleck, der eigentlich aus der Bluegrass-Ecke kommt, ein Exot gewonnen wird: Die Adaption der Stücke ist durchweg gelungen. Die schwere Batterie schließlich, an der sich Scherzkeks Thomas Ludwig redlich abarbeitet, bleibt als Rhythmusmaschine nicht bloßer Ordnungsfaktor in der soliden Trioleistung: Mag die Lautstärke auch für manchen Besucher - vorsichtig ausgedrückt - eine Herausforderung dargestellt haben, so wurden doch die Grenzen der Erlebniskapazität ausgelotet.

19. Januar 1998 - Heilbronner Stimme