Ganz schön ausgebufft

Jazz: Trio Jazz Pistols in Mannheim Feuerwache

Der frühere Schlagzeuger der Gruppe Trio (die Anfang der Achtziger mit Hits wie "Dadada" dem Pop-Minimalismus frönten) sagte einmal über sich und seine Zunft-Kollegen, Drummer seien meistens Witzbolde. Auf ihn, der häufig nur mit einer Hand und dabei einen Apfel aß, traf dies auf jeden Fall zu - und es gilt auch für Thomas Lui Ludwig: Beim Auftritt der Jazz Pistols in der Mannheimer Feuerwache übernimmt er die Rolle des Conférenciers, macht alberne Ansagen und erzählt Anekdoten von früheren Auftritten in fremden Gegenden, wo man ihn wegen seiner Kurpfälzer Zunge ausgerechnet für einen Schwaben gehalten habe. Damit ist sofort das Eis gebrochen, als Lui sich endlich hinter sein Schlagzeug hockt und die Band loslegt, beginnt ein ungewöhnliches Jazz-Konzert. Tonmeister Günther Theiß am Mischpult war schon vor Konzertbeginn begeistert ob der technischen Virtuosität des Trios, denn Lui sowie Gitarrist Stefan Ivan Schäfer und Bassist Christoph Victor Kaiser haben handwerklich ganz viel zu bieten. Während Lui - seit Jahren bei der Jule Neigel Band und auch mal für Uwe Ochsenknecht oder Chaka Khan tätig - bekanntlich mit allen Wassern gewaschen ist und gleichermaßen kräftig draufhauen wie feinsinnig verzieren kann, sind Schäfer und Kaiser zwei ganz ausgebuffte: Der Gitarrist bietet ein ungemein emotionales Spiel und entlockt den Saiten seines Instruments bestechend inspirierte Melodien, die er mal "trocken" serviert, mal durch eine Reihe von Effektgeräten jagt, um alle Möglichkeiten auszuschöpfen, die Jazz-Gitarristen - scheinbar aus "Purismus" - meist sträflich vernachlässigen. Und Kaiser zupft auf den Basssaiten nicht nur rund rollende Figuren, er spielt oft eine perkussive Slap- Technik - oder gar Fingertapping, das sonst nur Gitarristen anwenden. Heraus kommt ein kerniger, musikalisch ansprechender und gehaltvoller Jazz-Rock, der trotz aller Kompliziertheit nachvollziehbar bleibt und sehr animierend klingt: Man hätte die Fahrzeughalle für dieses Konzert nicht unbedingt bestuhlen brauchen, man hätte dazu tanzen können - und es gibt auch Gäste, die das tun. Aufregende Eigenkompositionen und witzig arrangiertes Fremdmaterial gibt´s von den Jazz Pistols ohne Fehl´, das macht Spaß und sorgt für viel Applaus.

16. Juni 1998 - Mannheimer Morgen