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PIPAPO-THEATER: Jazz Pistols erschüttern den Keller mit einem brettharten Fusion-Sound
Elektrisierendes Konzert: Hochspannung bis zum Ende

Von unserem Mitarbeiter Thomas Tritsch

Die Jazz Pistols präsentierten sich bei ihrem Auftritt im PiPaPo-Theater energiegeladen und technisch brillant wie eh und je.


© Lotz


BENSHEIM. Eine neue Spielart hat den Bensheimer Jazzkeller erobert: Fusion. Das Publikum im PiPaPo-Theater erlebte eine der wuchtigsten musikalischen Kernschmelzen dieser Art. Die Jazz Pistols präsentierten sich energiegeladen und technisch brillant wie eh und je. Eine Saisoneröffnung, die schon jetzt zu den Höhepunkten der Spielzeit gehört.

Die wenigen Zuhörer genossen Jazzrock vom Feinsten von einer der besten Fusion-Bands in Europa. Das vitale Trio verzauberte mit einer süchtig machenden Melange aus der Scharfkantigkeit des Jazz, der rhythmischen Intensität des Funk und der muskulösen Kraft der Rockmusik. Unfassbar, welche Klangdichte und fein dosierte Dynamik diese puristische Besetzung auf eine Live-Bühne bringt.
Zwar ließen es Gitarrist Stefan Ivan Schäfer, Bassist Christoph Victor Kaiser und Schlagzeuger Thomas Lui Ludwig erst einmal ganz relaxt angehen - doch der unschuldige Plauderton der außergewöhnlichen Instrumentalisten verwandelte sich schnell in einen brettharten Sound, der Tote aufzuwecken kann. Höllische Grooves und kantige Rhythmen sprudelten in einer spielerischen Leichtfüßigkeit, die auch bei brandgefährlichen Tempi- und Metrenwechsel nicht ins Schlingern kommt. Im Gegenteil: Auf Buckelpisten fühlen sich die Jazz Pistols ohnehin wohler als auf endlosen Geraden. Spätestens nach zehn Minuten wussten auch Ersthörer, was die Band mit dem Label "Energy Jazz" meint.

Keine Zeit zum Eindösen
Abrupte Stimmungswechsel, rasende Powerläufe und ruhige Passagen lassen keine Zeit zum Eindösen. Allein die außergewöhnliche Spieltechnik Kaisers peitscht den Sound immer wieder gnadenlos nach vorn: Etwa bei den ostinaten Bass-Riffs, die dem Stück "Sex In A Pan" von Bela Fleck & The Flecktones die Sporen geben. Der sechssaitige Bass des Heppenheimers wird beidhändig bearbeitet, gezupft und angetippt, und boxt wie eine Stahlfaust in die Eingeweide der Zuhörer. Beispielhaft für die Charakteristik der Band ist die spannungsgeladene Version von Chick Coreas "Spain", bei dem die Interaktion der Musiker überdeutlich wird. Ludwigs unglaublich filigrane Arrangements stehen nur scheinbar im Gegensatz zur kraftvollen Präsenz des Drummers, der mit seinen Muskeln behutsam verwobene polyrhythmische Gebilde, krumme Takte und asymmetrische Tonfolgen stemmt. Im finalen Solo offenbart das Ludwigshafener Trommel-Kraftwerk dann plötzlich hammerharte Hardrock-Qualitäten. Und die nicht minder lupenrein.
Schäfers markanter und farbenprächtiger Gitarrenton führt die Band durch Balladen und harte Uptempo-Nummern. Die empathischen Soli verschmelzen mit den Kompositionen und zeigen eine expressionistische Melodik, die der vertrackten Diktion nicht entgegensteht, sondern kunstvoll mit ihr verschmilzt. Stefan Schäfer, der in Kirschhausen lebt, ist sicherlich einer der technisch besten Gitarristen Deutschlands. Seine raffinierten Breaks und Beschleunigungen, die lyrischen Saitenhiebe und verästelt improvisierten Soli waren das Salz in der ohnehin würzigen Fusion-Suppe, die das Bensheimer Publikum bis zum Ende willig ausgelöffelt hat.
Abwechslung war Programm im Bensheimer Jazzkeller. Die Band erschuf komplexe dreidimensionale Rhythmus-Figuren vor den Augen ihres Publikums, das immer tiefer in den fesselnden Fusion-Kosmos hineingezogen wurde. Das verschlungene "Old Fart" roch nach feinster Jazzrock-Küche; beim beseelten "Rubicon" legte Stefan Schäfer die akustische Gitarre wie ein Präzisionsgewehr an.
Die meisten Stücke sind Eigenkompositionen und offenbaren live ein überdurchschnittliches instrumentales Können und ein blindes musikalisches Verständnis, wie man es so direkt selten erlebt. Statt sich in der eigenen Virtuosität zu isolieren, kippen die Jazz Pistols ihre mannigfaltigen Fähigkeiten in einen Mixer und hauen auf die Turbo-Taste.

Rotzfrech und punkig
In ihrem 20. Jubiläumsjahr arbeitet die in Heppenheim formierte Band an neuen Stücken für die nächste CD-Produktion. Zwei Titel daraus waren im PiPaPo-Kellertheater bereits live zu hören. Brachiale Jazzrock-Kaskaden auf maximalem Energielevel und mit einer anarchischen Stoßrichtung, die an die Namens-Anspielung des Trios erinnert: The Sex Pistols.
Eine rotzfreche punkige Haltung kann man den drei Herren durchaus zuschreiben. Von trivialen Kompositionen oder instrumentaler Nachlässigkeit hat die Band aber noch nie etwas gehört.
Fazit: Ein elektrisierendes Konzert, das bis zum Ende unter Hochspannung stand. Wer dabei war, ist noch immer statisch aufgeladen.
© Bergsträßer Anzeiger, Donnerstag, 01.10.2015