Auf höchstem internationalen Niveau

Altes E-Werk: Heimspiel der Heppenheimer Jazz Pistols vor sachkundigem Publikum – Grenzen des Möglichen entdecken

HEPPENHEIM. Jazz-Rock der absoluten Spitzenklasse war am Samstagabend im Alten E-Werk in Heppenheim zu hören. Es spielten die Jazz Pistols, die dem Publikum einen mitreißenden Abend mit Fusion-Musik nach "germanischer Lesart" boten. Das ehemalige Elektrizitätswerk in der Liebigstraße voll besetzt, mehr als 200 Fans waren gekommen, um das Heimspiel des Heppenheimer Trios zu erleben.
Die Jazz Pistols – vor rund zehn Jahren ins Leben gerufen – sind eine Formation, die sich dem Jazz-Rock (Fusion) verschrieben hat. Für ihre eigene Musik haben sie den Begriff "Energy-Jazz" kreiert – eine wahrlich treffende Selbstbeschreibung. So jagten denn am Wochenende zielgenau "elektrisch-musikalische" Schüsse aus Jazz-, Funk- und Rock-Kanonen durch das altehrwürdige Gebäude, und das erfreute Publikum wippte im Kugelhagel mit Kopf und Bein begeistert-zustimmend dazu.

Der Auftritt des Trios ist fulminant, das Spiel raffiniert und virtuos, kräftig und druckvoll zugleich, das Programm spannend und stets für eine musikalische Überraschung gut. Die Jazz Pistols waren auf Einladung von Forum Kultur in das alte E-Werk gekommen, um ihre aktuelle Scheibe "Jazz Pistols – live" zu präsentieren. Es handelt sich dabei um den Mitschnitt eines Live-Konzerts im Darmstädter Schlosskeller aus dem Jahr 2006, der sowohl als CD wie auch als DVD zu haben ist. Ton- und Filmträger sind bei Cherrytown Records, dem bandeigenen Plattenlabel, erschienen.

Forum Kultur präsentierte erstmals eine Veranstaltung in dem alten E-Werk, das auf Initiative des Hauseigentümers, der Firma Wicom – die das Konzert auch gesponsort hat – zu einer tollen Location mit ansprechendem Ambiente für Konzerte und Kleinkunst geworden ist.

Das Repertoire der Jazz Pistols besteht hauptsächlich aus Eigenkompositionen. Gelegentlich werden Klassiker von großen Jazzlegenden in das Programm eingestreut. Am Samstagabend war es das Stück "Palladium" von Wayne Shorter, dem Saxophonisten der berühmten Jazz-Rock-Formation "Weather Report". Schlagzeuger Ludwig machte den 73-Jährigen in seiner Ansage um glatt 13 Jahre jünger, bis ihn ein Sonderbacher Jazzkenner aus dem Saal korrigierte.

Man hatte es am Samstagabend ganz offensichtlich mit einem sehr fachkundigen Bergsträßer Publikum zu tun.

Die Jazz Pistols - das sind: Stefan "Ivan" Schäfer (Gitarre), ein waschechter Kirschhäuser, der auch heute noch in dem Heppenheimer Stadtteil lebt. Seit vielen Jahren schon gilt Schäfer als einer der besten Gitarristen der Republik. Im Nebenjob spielt und komponiert er für die Band des bekannten Schauspielers und Musikers Uwe Ochsenknecht. Christoph Victor Kaiser (Bass) kommt ebenfalls aus der Kreisstadt. Er besticht durch seine herausragenden technischen Fähigkeiten. Die von ihm bevorzugte Anschlagtechnik ("Tapping") exerziert Kaiser meisterlich und hat ihn zu einem international gefragten Spezialisten des Bassspielens gemacht.

Thomas "Lui" Ludwig (Schlagzeug) dürfte vielen noch als Drummer der Band von Jule Neigel in Erinnerung sein, die in den 1990er Jahren mit "Schatten an der Wand" einen großen Hit landen konnte. Die Zusammenarbeit mit der legendären Chaka Khan ist sicherlich ein weiterer Höhepunkt in seiner Karriere. Heute spielt er ebenfalls in der Band von Uwe Ochsenknecht.

Die Rollenverteilung muss man sich in etwa wie folgt vorstellen: Schäfer ist so etwas wie der Zinedine Zidane der Gitarren-Musik: stets druckvoll und voller Kraft, gepaart mit unerschöpflicher Spielfreude und einem Schuss verletzlicher Sensibilität; Kaiser ist der "Intellektuelle" der Band, der ruhende Pol, besonnen und wissend, wann er mehr im offensiven Mittelfeld gebraucht wird und wann er sich hinter die Spitze zurückfallen lassen muss. Und schließlich Ludwig: der Erfahrene, der Routinierte und Abgeklärte, der erkennbar schon auf vielen Groß-Turnieren gespielt hat und das Team perfekt zusammenhält.

Die Pistols kommen ohne Frontman aus. Na ja, vielleicht doch nicht so ganz: Schlagzeuger Ludwig als Chef-Ansager der Gruppe scheint schon so etwas zu sein wie der Vater des Trios. Seine verbalen Einlagen sind originell, intelligent, witzig und unterhaltsam. Überhaupt ist er derjenige mit der größten Bühnenpräsenz.

Mit Schlagzeug, Bass und Gitarre ist die Gruppe schlank besetzt. Aber ein normales Trio ist die Band auch nicht. Denn Bassist Kaiser spielt dank der von ihm angewandten "Tapping-Methode" (gleichzeitiges Spiel von Basslinie und Akkorden) eigentlich zwei Instrumente auf einmal. Es ist bemerkenswert zu hören, wie die drei Individualisten – jeder für sich ein perfekter Beherrscher seines Instruments – auf der Bühne und in ihrer Musik absolut gleichberechtigt und auf gleicher Augenhöhe miteinander umgehen.

Die Struktur der Jazz Pistols ist wie in einem modern geführten Unternehmen: geprägt von flachen Hierarchien. Das Spiel ist aus einem Guss. Es bleibt genug Raum und Zeit für den Hörer, die außerordentlichen Fähigkeiten jedes einzelnen Musikers wahrzunehmen. Das "Pistolenformat" bietet für die drei Musiker eine optimale Heimat, um ihre jeweiligen individuellen Fähigkeiten weiter zu entwickeln und die äußeren Grenzen des Möglichen immer wieder neu zu entdecken. Das ist Jazz Rock made in Germany auf höchstem, internationalem Niveau.

Astrid Wagner
19.3.2007