Zehn gute Gründe fürs Zuhören

Die "Jazz Pistols" überzeugen im Miller's mit ihrem energievollen Spiel

Es gibt (mindestens) zehn gute Gründe, auch das nächste Mal ein "Jazz Pistols"-Konzert zu besuchen.

Erstens: ihr Musikstil. "Energy-Jazz" nennen die drei Musiker ihre Form des Jazz. Es ist eine durchaus treffende Bezeichnung, ebenso wie die aufsteigende Rakete auf den Bandplakaten verkörpert, was die Musik ausdrückt: Energie pur, die einem die Ohren wegpustet. Die "Jazz Pistols" machen Jazz, der immer groovt und auch in langsameren Songs nie an Durchschlagkraft verliert.

Zweitens: der Sound der "Jazz Pistols". Die Band besteht nur aus drei Personen. Bass, Gitarre und Schlagzeug. Keine Bläser, kein Piano - und dann Jazz? Doch der Sound ist alles andere als mager. Das Schlagzeug übernimmt beinahe die Rolle eines Soloinstruments, ohne dabei aufdringlich zu werden, die Gitarre ersetzt die Füllaufgabe des Keyboards komplett, und der Bass brummt nicht nur als begleitender Teil der Rhythmusgruppe, sondern zeigt sich als facettenreiches Multifunktionsinstrument - was er ja eigentlich auch ist.

Drittens: Wo wir gerade bei den Instrumenten sind - von den Musikern hat jeder seine eigene Ausstrahlung und Spielweise. Da ist zum Beispiel Christoph V. Kaiser, der Wahlbostoner, am Bass. Bei ihm paart sich stoische Gelassenheit mit sichtbarem Aufgehen in virtuosem Spiel auf seinem sechssaitigen Instrument, das er mal knurrig slapt, ihm dann wieder melodiöse Passagen entlockt oder den Schlagzeugbeat in idealer Übereinstimmung unterstützt.

Viertens: der Gitarrist, Stefan Ivan Schäfer holt trotz des Verzichts auf unzählige Pedale alles an Bandbreite heraus, was seine äußerlich eher unauffällige E-Gitarre zu bieten hat. Er ist der Melodieführer, der Sound geht mitten in den Bauch und erzeugt in seiner warmen Färbung einen interessanten Kontrast zu dem harten Beat des Schlagzeugs.

Fünftens: Thomas Lui Ludwig an den drums. Der Drummer von Jule Neigel hat eine durchschlagende Wirkung, was seine Spielweise betrifft. Da gerieten zunächst die Augenlider der Zuhörer ins Flattern, so wuchtig ratterten die harten, knalligen Snareschläge. Ludwigs Spiel ist angenehm fließend und vorwärts drängend, wobei er niemals davonrennt oder rhythmisch unkorrekt wird.

Sechstens: nochmals Thomas Lui Ludwig. Dieser Mann ist für mehrere Gründe gut. Ein flüssiger Beat, das ist schon was wert. Doch dabei belässt er es nicht. Komplizierte Snarewirbel und wummernde Doublebassgewitter werden kombiniert mit rasselnden Beckenschlägen. Komplizierte Breaks lockern die Musik auf und versetzen die Zuhörer in Staunen. Schwierige Rhythmusfolgen sitzen bombensicher und werden mit einer ungeheuren Leichtigkeit vorgetragen. Ein Fest für Schlagzeuger!

Siebtens: und ein letztes Mal Ludwig. Der Mann ist nicht nur Musiker, sondern auch Entertainer. Er hält gerne lange, humorige Einführungsreden zu seinen Stücken, die den Gästen das Gefühl vermitteln, sie haben die Band zu sich ins Wohnzimmer eingeladen. Sympathisch spricht er von dem nächsten "Liedel" und nimmt liebevoll seine Bandmitglieder auf den Arm. Es entsteht eine private Atmosphäre, die durch die Räumlichkeiten des kuscheligen Miller´s zusätzlich gefördert wurde.

Achtens: die Spielfreude der Musiker. Den ganzen Tag hatten sie im Studio verbracht, wo sie die neue CD einspielen. Trotzdem erschienen die "Jazz Pistols" nicht als leidgeprüfte Profimusiker mit dem deutlich sichtbaren Wunsch, dieses Konzert möglichst schnell durchzuziehen. Die Freude am Spiel stand ihnen ins Gesicht geschrieben. Und das ging natürlich auch auf die Zuhörer über, deren Genuß durch das...

Neuntens: ... perfekte Zusammenspiel gestützt wurde. Entweder hatten die drei die für Laien oft verwirrenden Abläufe komplett auswenidg gelernt und konnten sie durch tagelanges Pauken im Schlaf, oder sie harmonisierten wirklich miteinander. Egal: Das musikalische Miteinander funktioniert reibungslos.

Und zu guter Letzt der wichtige zehnte Grund! Die drei Musiker spielen fast ausschließlich Eigenkompositionen. Und zwar Stücke, die sofort ins Ohr gehen, auch für Nich-Jazzer ist es ein furioses Vergnügen. Vielleicht liegt das daran, daß sie alle Jazz-Klischees über den Haufen werden und dabei den Grundideen des Jazz trotzdem treu bleiben. Eigentlich sagt das ja bereits ihr Name. Also - es lohnt sich. Gegenargumente wurden übrigens keine gefunden.

08. Januar 1999 - Mannheimer Morgen